Früher eingreifen bei Typ-1-Diabetes

Neue Chancen durch Technik und Prävention

Vor dem Ausbruch der Erkrankung handeln: Wie digitale Systeme und neue Therapieansätze die Diabetologie verändern.

Im Rahmen einer Vorab-Pressekonferenz zum 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) stellte Frau Dr. med. Annie Mathew, Oberärztin an der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen, aktuelle Entwicklungen in der Diabetesversorgung vor.

Im Mittelpunkt ihres Vortrags standen zwei große Fortschrittslinien der modernen Diabetologie: zum einen digitale Systeme, die das Therapiemanagement bei Typ-1-Diabetes deutlich verbessern können, und zum anderen neue Ansätze der Sekundärprävention, mit denen sich der klinische Ausbruch der Erkrankung erstmals hinauszögern lässt.

Lange Zeit war die Diabetesversorgung vor allem reaktiv ausgerichtet. Behandelt wurden erhöhte Blutzuckerwerte und bereits bestehende Krankheitsfolgen. Heute entwickelt sich das Fachgebiet jedoch zunehmend in Richtung einer vorausschauenden, technologiegestützten Medizin. Für Dr. Annie Mathew ist das die zentrale Botschaft moderner Diabetologie: früher eingreifen, Komplikationen verhindern und den Alltag der Patientinnen und Patienten spürbar verbessern.

Digitale Systeme entlasten im Alltag

Ein besonders anschauliches Beispiel für diesen Wandel ist die sogenannte digitale Bauchspeicheldrüse. Gemeint ist damit ein technisches System, das die natürliche Regulation des Blutzuckers möglichst präzise nachahmen soll. Denn bei Stoffwechselgesunden übernimmt die Bauchspeicheldrüse diese Aufgabe laufend und fein abgestimmt – etwa nach dem Essen, bei körperlicher Aktivität, unter Stress oder während des Schlafs.

Die digitale Bauchspeicheldrüse besteht aus drei aufeinander abgestimmten Komponenten: einem Glukosesensor, der die Zuckerwerte kontinuierlich misst, einem Algorithmus, der diese Werte fortlaufend auswertet, und einer Insulinpumpe, die die Insulinzufuhr entsprechend anpasst. Entscheidender Fortschritt ist dabei, dass das System nicht nur einzelne Messwerte verarbeitet, sondern auch Trends erkennt – also ob der Glukosewert steigt, fällt oder stabil bleibt.

Für Menschen mit Typ-1-Diabetes bedeutet das eine deutliche Entlastung. Viele der täglichen Entscheidungen rund um Messen, Berechnen, Korrigieren und Vorausplanen werden reduziert. Das kann zu stabileren Glukoseverläufen führen, Unterzuckerungen – insbesondere in der Nacht – verringern und die Sicherheit im Alltag erhöhen. Nach Darstellung von Dr. Mathew verbessert sich damit für viele Betroffene auch die Lebensqualität.

Technologie ersetzt nicht Schulung und Begleitung

So groß der Nutzen dieser Systeme auch ist: Vollständig automatisiert ist die Therapie nicht. Die Patientinnen und Patienten müssen weiterhin aktiv mitarbeiten, etwa beim Wechsel von Sensoren und Kathetern, beim Reagieren auf Alarme und beim Verständnis der Technik. Gerade in besonderen Situationen wie Sport, Krankheit oder technischen Problemen bleibt ein strukturiertes Vorgehen unverzichtbar.

Dr. Mathew machte deshalb deutlich, dass moderne Diabetes-Technologie nur dann ihr Potenzial entfalten kann, wenn sie mit guter Schulung und enger medizinischer Begleitung verbunden ist. Der technische Fortschritt entbindet also nicht von der Notwendigkeit, Menschen im Umgang mit ihrer Erkrankung zu befähigen – im Gegenteil: Er erhöht in mancher Hinsicht sogar die Anforderungen an Aufklärung und Versorgung.

Typ-1-Diabetes beginnt lange vor der Diagnose

Neben der technologischen Entwicklung rückt in der Diabetologie zunehmend eine Krankheitsphase in den Blick, die lange vor der eigentlichen Diagnose liegt. Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen angreift. Dieser Prozess beginnt oft schon lange, bevor klinische Symptome auftreten.

In dieser frühen Phase lassen sich bereits Autoantikörper nachweisen, obwohl die Erkrankung noch nicht manifest ist. Genau hier eröffnet sich ein neues therapeutisches Zeitfenster. Dr. Mathew verwies darauf, dass es sich dabei um einen Ansatz der Sekundärprävention handelt: Die Autoimmunität ist bereits vorhanden, der klinische Ausbruch der Erkrankung aber noch nicht erfolgt.

Wichtig ist ihr zufolge auch, dass Typ-1-Diabetes keineswegs immer im Kindesalter beginnt. Ein erheblicher Teil der Neuerkrankungen tritt im Erwachsenenalter auf. Gerade dort wird die Erkrankung jedoch häufig verzögert erkannt. Weil sie bei Erwachsenen oft langsamer verläuft, kann sich in dieser Phase ein Zeitfenster ergeben, in dem ein Eingreifen vor der klinischen Manifestation möglich wird.

Teplizumab eröffnet ein neues präventives Behandlungsfenster

Mit dem Wirkstoff Teplizumab steht erstmals eine Therapie zur Verfügung, die gezielt in diesen frühen Krankheitsverlauf eingreifen kann. Der Wirkstoff beeinflusst fehlgeleitete Immunzellen und kann so den Angriff auf die insulinproduzierenden Zellen verlangsamen. Für die Betroffenen bedeutet das vor allem eines: Zeit. – Zeit ohne manifeste Erkrankung, Zeit ohne unmittelbare Insulintherapie, Zeit auch, sich auf eine spätere Diagnose vorzubereiten.

Gerade beim Typ-1-Diabetes, dessen Krankheitsbeginn häufig abrupt erlebt wird, kann eine solche Verzögerung den Übergang in die manifeste Erkrankung deutlich entschärfen.

Nach den von Dr. Mathew dargestellten Studiendaten lässt sich der Zeitpunkt der klinischen Manifestation im Durchschnitt um etwa zwei Jahre hinauszögern. Das sei keine Heilung, betonte sie sinngemäß, aber ein relevanter Fortschritt. Denn damit verschiebt sich die Diabetesversorgung ein Stück weit weg von der reinen Behandlung bereits eingetretener Krankheit hin zu einem präventiven Eingreifen in den Verlauf.

Langfristig verbindet sich damit die Hoffnung, schwere Folgekomplikationen zu verringern. Genannt wurden unter anderem Netzhaut- und Nierenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, Herzinfarkte sowie das diabetische Fußsyndrom mit möglichen Amputationen.

Erste praktische Erfahrungen am Universitätsklinikum Essen

Besonders hervorgehoben wurde im Vortrag auch die erste Behandlung eines Patienten mit Teplizumab nach der Zulassung in Deutschland. Dr. Mathew berichtete, dass dieser erste Patient am Universitätsklinikum Essen behandelt wurde. Es handelte sich um einen 22-jährigen Patienten mit Stadium-2-Typ-1-Diabetes, der von einem niedergelassenen Diabetologen an das Zentrum überwiesen worden war. (Anmerkung: Mit „Stadium 2“ wird eine frühe Vorstufe des Typ-1-Diabetes bezeichnet.)

Aus ihren Schilderungen wurde deutlich, wie hoch der organisatorische und medizinische Aufwand einer solchen Therapie ist. Der Patient musste über 14 Tage hinweg täglich behandelt und eng überwacht werden. Dafür waren geregelte Abläufe bei der Herstellung der Infusionen, eine enge Einbindung der Apotheke, umfassend geschultes Personal sowie tägliche Laborkontrollen und körperliche Untersuchungen erforderlich. Erst danach konnte die Therapie jeweils freigegeben werden.

Auch mögliche Nebenwirkungen dürfen aus Sicht von Dr. Mathew nicht unterschätzt werden. Zwar handelt es sich nicht um eine starke Immunsuppression, sondern um eine Immunmodulation. Dennoch seien deutliche Nebenwirkungen möglich, die in einem spezialisierten Zentrum kontrolliert und begleitet werden müssten. Die Erfahrungen in Essen bewertet sie dennoch positiv: Der erste Behandlungsverlauf sei erfolgreich gewesen, und die Hoffnung sei nun, die Manifestation der Erkrankung möglichst lange hinauszuzögern.

Früherkennung ist bislang nur für definierte Risikogruppen realistisch

Ein breites Screening in der Allgemeinbevölkerung ist derzeit allerdings noch nicht vorgesehen. Dr. Mathew machte deutlich, dass sich die aktuelle Form der Prävention an klar definierte Risikogruppen richtet. Dazu zählen insbesondere Angehörige von Menschen mit Typ-1-Diabetes sowie Patientinnen und Patienten mit anderen Autoimmunerkrankungen.

Der Hintergrund: Autoimmunerkrankungen treten häufig nicht isoliert auf. Gleichzeitig ist die derzeitige Früherkennung in Deutschland bislang nur im Rahmen von Studien möglich und zudem regional auf bestimmte Bundesländer begrenzt. Langfristig, so die Perspektive, sollten solche Screening-Strategien strukturierter und bundesweit in die Regelversorgung überführt werden.

Hohe Therapiekosten, aber auch hohe Folgekosten

Auch die Kosten der neuen Therapie wurden in der Pressekonferenz thematisiert. Teplizumab ist derzeit mit rund 200.000 EUR pro Behandlungsfall sehr teuer. Dr. Mathew stellte dem jedoch die erheblichen Kosten gegenüber, die durch Diabetes-Folgekomplikationen entstehen. Nach ihrer Darstellung belaufen sich diese in Deutschland auf rund 21 Milliarden Euro, wobei ein großer Anteil auf schwere Komplikationen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Amputationen entfällt.

Die Überlegung dahinter: Wenn es gelingt, Krankheitsverläufe früher zu beeinflussen, Patientinnen und Patienten besser zu schulen und Komplikationen zu verhindern, könnten sich langfristig auch die Gesamtkosten der Versorgung senken lassen. Die hohen Therapiekosten bleiben damit zwar ein ernstzunehmender Faktor – stehen aber in einem größeren gesundheitspolitischen und gesundheitsökonomischen Zusammenhang.

Prävention und Technologie verändern die Diabetologie

Der Vortrag von Dr. Annie Mathew zeigte eindrücklich, wie stark sich die Diabetologie derzeit verändert. Digitale Systeme können die Therapie im Alltag präziser und sicherer machen. Neue immunmodulierende Ansätze wie Teplizumab eröffnen darüber hinaus erstmals die Möglichkeit, bereits in einer frühen Krankheitsphase auf den Verlauf des Typ-1-Diabetes einzuwirken.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Versorgung: weg von der ausschließlichen Reaktion auf manifeste Krankheit, hin zu früherem Handeln, besserer Begleitung und gezielter Prävention. Genau darin liegt die eigentliche Tragweite dieser Entwicklungen – medizinisch, strukturell und für die Lebensrealität der Betroffenen.

Quelle: Vorab-Pressekonferenz anlässlich des 132. Kongresses der DGIM am 9.4.2026
Bildquelle: Mit Unterstützung einer KI nach redaktionellen Vorgaben und unter redaktioneller Bearbeitung erstellt.
Hinweis: Bei der Erstellung dieses Beitrags wurden KI-Tools unterstützend eingesetzt. Recherche, Prüfung, redaktionelle Auswahl und Verantwortung lagen bei der Redaktion. 
Stand: 13.04.2026