Übergewicht und Diabetes gehen oft mit einem Mangel an Testosteron einher.

Adipositas und Diabetes mellitus Typ-2

Oft mangelt es an Testosteron

Männer, die unter starkem Übergewicht und Diabetes mellitus Typ-2 leiden, haben oftmals auch Beschwerden durch einen Testosteronmangel. Hier kann die zusätzliche Gabe von Testosteron hilfreich sein, wenn bestimmte spezifische Symptome vorliegen. Außerdem gibt es einen Zusammenhang zwischen Adipositas und Testosteronmangel einerseits sowie Adipositas und Diabetes mellitus Typ-2 andererseits.

30.06.2021

Einmal im Jahr treffen sich die beiden wissenschaftlichen Fachgesellschaften Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) zu einer gemeinsamen Online-Pressekonferenz und stellen wichtige Themen in den Fokus, die von beiden medizinischen Fachbereichen bearbeitet werden. Das diesjährige Zusammentreffen am 28.6.2022 stand unter dem Motto „Hormone und Zucker – wo knirscht es in der Versorgung Deutschlands?“

Professor Dr. med. Stephan Petersenn ist ein ausgewiesener Experte rund um das Thema „Testosteron“ und Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Er erklärte, in vielen Studien, die sich mit der Häufigkeit und Verteilung von Krankheiten in der Bevölkerung beschäftigen, sehe man den Zusammenhang von Testosteronmangel und steigendem Übergewicht. Bei übergewichtigen Männern könne sich ein Testosteronmangel entwickeln und aufgrund dessen steige im Laufe der Zeit der Body-Mass-Index weiter an. Wenn erst einmal ein starkes Übergewicht bzw. eine Fettleibigkeit erreicht ist, entwickele sich daraus häufig eine Insulinresistenz und damit ein Typ-2 Diabetes, der auch „Altersdiabetes“ genannt wird und im Gegensatz zum Typ-1 Diabetes nicht im Kindes- und Jugendalter auftritt. Kurz gesagt: Bei Männern spricht vieles für einen Zusammenhang zwischen Testosteronmangel, einer kontinuierlichen Gewichtszunahme bis zur Adipositas und einem daraus resultierenden Diabetes mellitus Typ-2.

Doch wie kann man diese Fälle identifizieren und von einer Fettleibigkeit aufgrund fehlerhafter Ernährung und mangelnder Bewegung unterscheiden? Was kennzeichnet eigentlich einen Testosteronmangel? Viele männliche Patienten klagen über Müdigkeit, Leistungsminderung, Abnahme der Muskelkraft etc. und vermuten einen Testosteronmangel. Für Professor Petersenn sind das eher unspezifische Symptome, die eine Vielzahl von Ursachen haben können, die in den Lebensumständen, verschiedenen Erkrankungen oder ganz einfach in einem großen und/oder dauerhaften Stress begründet sein können.

Drei Faktoren sieht er als spezifisch an, damit weitere gezielte Untersuchungen in Richtung „Testosteronmangel“ durchgeführt werden.

  • Libido
    Ist der Sexualtrieb wesentlich beeinträchtigt oder gar erloschen?
  • Erektionsfähigkeit
    Ist eine ausreichende Erektion möglich?
  • Morgenerektion
    Ist sie noch vorhanden oder hat sie nachgelassen?

Diese spezifischen Faktoren lieferten Hinweise auf einen Testosteronmangel, der dann abgeklärt und bei positivem Befund behandelt werden müsse. Denn Testosteron ist nicht nur für die Sexualität, sondern für eine Vielzahl anderer Funktionen im Körper wichtig. So steuert das Hormon z. B auch den Aufbau der Knochendichte. Mangelt es an Testosteron oder fehlt es gar, drohe unausweichlich eine Osteoporose.

Bei der Diagnose ist es wichtig, mögliche körperliche Ursachen für einen festgestellten Testosteronmangel auszuschließen. Diese Ursachen können z. B in einer Fehlfunktion im Steuerungssystem des Gehirns (Hypothalamus) oder in einer bestimmten Drüse (Hypophyse) liegen oder auch in den Hoden begründet sein.

Das Verfahren, mit dem der Testosteronspiegel bestimmt wird, sei jedoch nur dann aussagekräftig, wenn alle wichtigen Messkriterien beachtet würden, dazu gehörten:

  • Zeitpunkt der Messung
    Die Messung sollte bis morgens um 10 Uhr durchgeführt werden, da der Testosteronspiegel im Tagesverlauf nachlässt. Der Verlust bis zum Nachmittag betrage bereits 24 %, so dass eine dann stattfindende Messung ein falsches Ergebnis liefere.
  • Nahrungsaufnahme und Messung
    Die Messung sollte in jedem Fall in nüchternem Zustand durchgeführt werden, denn die Essensaufnahme reduziert das Testosteron ebenfalls um ca. 25 %.
  • Medikamente
    Werden zum Beispiel Opioide zur Schmerzlinderung oder Glukokortikoide gegen Entzündungen eingenommen? Dies verfälsche die Werte.
  • Akute Erkrankungen
    Auch dies könne die Werte verfälschen, so dass es sinnvoll sei, die Messung gegebenenfalls zu verschieben.
  • Anzahl der Messungen
    Man solle sich nie auf eine Messung verlassen. Für die korrekte Diagnose „Testosteronmangel“ seien mindestens zwei Messungen nötig.

Leider würden diese Punkte in der Praxis oftmals nicht beachtet, so dass ein erheblicher Anteil der Patienten, bei denen Nachmessungen nach dem oben genannten Standard durchgeführt werden, eine falsche Vordiagnose erhalten habe.

Auch die Bestimmung des Testosteronspiegels und die Interpretation der Messwerte seien nicht einfach. Das sogenannte „freie, aktive Testosteron“ mache nur 0,5 bis 3 Prozent des Gesamttestosterons aus. Das meiste Testosteron sei in einem Transportsystem gebunden, dem Sexualhormon-bindenden Globulin, kurz SHBG. Dies müsse ebenfalls gemessen werden, damit das tatsächlich vorhandene Testosteron bestimmt werden kann, was mittels einer Annäherungsformel geschieht.

Beachte man dies nicht, käme es wie in den USA geschehen, zu einer Vielzahl von vermutlich fehlerhaften Testosteronmangel-Diagnosen und in der Folge zu vielen unnötigen Behandlungen.

Testosteronspiegel und Alter

Auch das Alter der Patienten spiele eine große Rolle, um den „normalen“ Testosteronspiegel zu bestimmen. Einer Langezeitstudie zufolge reduziere sich das aktive Testosteron bei 50- bis 59-Jährigen um 10 %, bei 60- bis 69-Jährigen um 20 % und bei 70- bis 80-Jährigen um 70 %.

Männer verschiedener Altersstufen haben unterschiedliche Testosteronspiegel.

Wenn man die gemessenen Testosteronwerte in den Altersstufen in Verbindung mit den genannten spezifischen Symptomen interpretiert, ergeben sich jedoch ganz andere Zahlen: 0,6 % bei den 50- bis 59-Jährigen, 3,2 % bei den 60- bis 69-Jährigen und 5 % bei den über 70-Jährigen. Ein erniedrigter Testosteronwert sei für sich genommen damit wenig aussagekräftig und erst in Verbindung mit bestimmten Symptomen ergäbe sich eine Behandlungsbedürftigkeit.

Eine Testosteron-Ersatztherapie solle immer nur den natürlichen Testosteronspiegel wiederherstellen und nicht „überschießen“. Gerade deshalb sei die korrekte Bestimmung der Werte und ihre Interpretation im Gesamtumfeld von großer Bedeutung.

Beachte man diese Punkte, sei die Testosterongabe weitgehend unkritisch. Testosteron selbst kann bei Männern keinen Prostatakrebs auslösen, sondern nur bei einem im Verborgenen bestehenden Krebs das Wachstum beschleunigen. Deshalb sei es wichtig, vor allem bei älteren Patienten auch den PSA-Wert während der Therapie zu bestimmen.

Zusammenfassend könne man sagen, dass durch Adipositas und Diabetes mellitus Typ-2 verursachter Testosteronmangel durch die zusätzliche medikamentöse Gabe von Testosteron behandelt werden sollte. Dazu müsse der Mangel durch Tests gesichert sein und mit den oben genannten spezifischen Symptomen einhergehen. Die Testosteron-Therapie könne dazu beitragen, den Body-Mass-Index und den hohen Blutzuckerwert zu verbessern und die Libido und die Erektionsfähigkeit zu fördern. Außerdem sei es eine Vorbeugung gegen eine Osteoporose.

Allerdings können Betroffene auch viel selbst dazu beitragen: Durch Abnehmen und den Lebensstil kann sich die Situation beim Blutzucker verbessern und auch der natürliche Testosteronspiegel wieder erhöht werden.

Abschließend wurde auf der Online-Pressekonferenz noch darüber gesprochen, ob es sinnvoll sei, Männern quasi „als Vorbeugung“ Testosteron zu verordnen, was von Professor Petersenn beim jetzigen Stand der Forschung eindeutig verneint wurde. Allerdings gebe es eine interessante australische Studie, bei der durch Testosterongabe die Entwicklung eines Diabetes mellitus um 40 % reduziert worden sei, was aktuell aber nur ein perspektivischer Ausblick und noch keine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis für eine therapeutische Handlungsanleitung sei, zumal die Studie wegen der mit der Therapie verbundenen Risiken auch kritisiert worden sei.

Quellen:
Gemeinsame Online-Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) „Hormone und Zucker – wo knirscht es in der Versorgung Deutschlands?“ am 28.06.2022; Vortrag und Diskussion Professor Dr. Stephan Petersenn: Testosteronmangel bei Adipositas und Diabetes – gibt es Handlungsbedarf?

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